Zweierlei Maß bei Umbenennungen

In diesen Tagen erhalten im Bezirk Mitte zwei Orte einen neuen Namen: Die Hofjägerallee im Tiergarten sowie der bisher namenlose Platz vor dem Abgeordnetenhaus. Dieses führte bisher die Adresse Niederkirchnerstraße 5. Auch diese Straße hatte mal einen anderen Namen, einen, der in der deutschen Geschichte mit viel Unheil verbunden war: Schräg gegenüber dem heutigen Berliner Parlament lag in der Prinz-Albrecht-Straße die Zentrale der Gestapo, dort hatten das Reichssicherheitshauptamt sowie die SS ihren Sitz. Britische und US-Bomber machten diese Zentralen des Terrors dem Erdboden gleich.

1951 wurde die Straße nach Käthe Niederkirchner benannt, einer kommunistischen Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Mit dem Mauerbau zehn Jahre später verschwand die Niederkirchnerstraße für viele Jahre unter dem Sand des Todesstreifens.

Margot-Friedländer-Platz

Dass der Platz vor dem Abgeordnetenhaus nun nach Margot Friedländer benannt wird, ist eine Ehrerbietung gegenüber dieser Holocaust-Überlebenden. Genau ein Jahr zuvor, am 7. Mai 2025, hatte sie bei einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung von Senat und Abgeordnetenhaus zum 80. Jahrestag des Kriegsendes ihren eindringlichen Appell geprägt: „Bitte seid Menschen!“ Zwei Tage später starb sie im Alter von 103 Jahren.

Die Berlinerin Margot Friedländer hatte im Holocaust ihre Familie verloren. Sie selbst konnte sich bis 1944 an verschiedenen Orten vor den Nazis verstecken, bis sie verraten wurde. Sie kam ins Konzentrationslager Theresienstadt, wo sie ein Jahr später befreit wurde und in die USA auswanderte. Erst nach dem Tod ihres Mannes kam sie 2003 das erste Mal wieder nach Deutschland, aufgrund einer Einladung des Berliner Senats. Ihr Leben in Berlin lag über ein halbes Jahrhundert weit hinter ihr. Als sie 57 Jahre nach ihrer Emigration wieder den Boden ihrer Heimatstadt betrat, kam sie ihr sofort wieder vertraut vor.

Weitere Besuche folgten und im Jahr 2010 ging sie dann den Schritt, den sie sich all die Jahrzehnte nicht hätte vorstellen können: Sie siedelte zurück nach Berlin, in ihren alten Kiez Charlottenburg.

Seitdem warb sie unermüdlich dafür, dass Antisemitismus, Rassismus und andere Unmenschlichkeit in der Gesellschaft nicht mehr Fuß fassen dürfen. Sie besuchte Schulen und zahlreiche Veranstaltungen, gab Interviews und traf sich mit Menschen, die antifaschistisch aktiv sind. Sie war das beste Beispiel dafür, dass man Abneigung und Hass überwinden kann. Dadurch, dass sie in die Stadt zurückkehrte, aus der ihre Familie in den Tod geschickt wurde, bewies sie, dass Versöhnung möglich ist. Der Regierende Bürgermeister dankte ihr für ihre dauerhaften Mahnungen und sagte, er sei stolz darauf, dass die Holocaust-Überlebende Ehrenbürgerin Berlins sei. Die Benennung des Platzes vor dem Abgeordnetenhaus ist die besondere Ehrung einer besonderen Frau und ihrer Geschichte.

Helmut-Kohl-Allee

Am 9. Mai gibt es eine weitere Straßenbenennung: Von der Siegessäule bis zur Tiergartenstraße verläuft seit etwa dem Jahr 1700 eine Allee, die 1832 nach dem Königlichen Hofjäger benannt wurde, dessen Wohnhaus sich am südlichen Ende des Wegs befand.

Im Koalitionsvertrag 2023 vereinbarten die Berliner CDU und SPD, eine Straße oder einen Platz nach Helmut Kohl zu benennen. Die Hofjägerallee wurde ausgewählt, weil sie eine prominente Lage.

Doch anders als im Fall von Margot Friedländer halten viele Menschen eine solche Ehrung von Kohl für nicht angebracht. Denn als Begründung der Umbenennung wird das politische Lebenswerk Helmut Kohls angeführt, besonders seine Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung.

Sicher stimmt es, dass seine Politik in der ersten Hälfte des Jahres 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands vorangetrieben hat. Doch bis heute denken viele, dass dies nicht aus redlichem Antrieb geschehen ist. Kohl versprach den DDR-Bürgern, dass sie nach dem Beitritt ihres Landes zur Bundesrepublik „blühende Landschaften“ erwarten dürften. Dabei war von vornherein klar, dass dies nicht stimmte und dass es vor allem darum ging, der westdeutschen Wirtschaft unter Kohls Aufsicht ein großes Stück des Kuchens DDR zuzuschanzen. Systematisch wurden noch funktionierende Betriebe aufgekauft und als Konkurrenz plattgemacht. Millionen von Ostdeutschen verloren ihre Arbeit, ihre Perspektive. Anstatt eine eigenständige Entwicklung der DDR-Wirtschaft und Gesellschaft zu ermöglichen, sollten sich unter Kohls Führung die ostdeutschen Gebiete einverleibt werden. Die Ost-CDU, die DSU, die Demokratische Allianz – sie versprachen den Bürgern in der DDR eine goldene Zukunft, wenn sie nur für sie und damit eine Wiedervereinigung stimmten. Und so gewannen sie die Volkskammerwahl am 18. März 1990, was das Ende der DDR in absehbarer Zukunft bedeutete.

Natürlich ist es müßig zu spekulieren, wie es anders hätte kommen können. Ob die DDR-Wirtschaft mit Unterstützung aus dem Westen eine Erneuerung geschafft hätte. Ob sich die Gesellschaft von innen heraus mit der neuen Freiheit arrangiert und einen anderen Weg gefunden hätte als den, sich einfach der Bundesrepublik anzuschließen. Fakt ist aber, dass den Ostdeutschen auf allen Ebenen der Eindruck vermittelt wurde, nach einer Wiedervereinigung beider Staaten würde es den Ex-DDR-Bürgern viel besser gehen. Helmut Kohl stand dabei immer ganz vorn, gerne auch bei den Wahlkampfveranstaltungen in der Noch-DDR.

Kohl war immer auf Seiten der westdeutschen Wirtschaft. Dass ihm anfangs viele Menschen im Osten vertraut haben, haben sie bald bedauert. Dazu kommt seine Rolle in der Spendenaffäre. Ein Bundeskanzler, der ganz offen sagt, dass er lieber loyal zu den illegalen Parteispendern steht als zum Strafgesetz, ist nicht haltbar. Bis zu seinem Ende, als er schon längst nicht mehr in politischer Verantwortung stand, weigerte er sich die Spender zu nennen, die die CDU mitfinanziert haben.

Wer sollte geehrt werden?

Ist es gerechtfertigt, dass eine Holocaust-Überlebende mit einer Platzbenennung geehrt wird, die ihr Schicksal überwunden und sich im hohen Alter die Last der praktischen Versöhnung aufgebürdet hat?
Ja, auf jeden Fall!

Aber ist es dagegen auch ok, wenn eine prominente Straße in der Innenstadt nach einem Mann benannt wird, der viele Jahre sein kriminelles Vorgehen verteidigte? Und dessen Parteikollegen sich nicht mal schämen, ausgerechnet eine Straße nach ihm zu benennen, die in Richtung ihrer Bundeszentrale führt? Also wieder Klientelpolitik machen?
Sicher nicht.

Foto: Martin Kraft

Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
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