Mario Adorfs Entschuldigung

1. Akt

Als Bruno Lüdke 1944 ums Leben kam, war er nur 36 Jahre alt. Er starb vermutlich aufgrund von Menschenversuchen an ihm, im von den Nazis betriebenen Kriminalmedizinischen Zentralinstituts der Sicherheitspolizei in Wien. Zuvor wurde er bereits 1940 im Rahmen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses zwangsweise sterilisiert, da er als „schwachsinnig“ eingestuft worden war.

In Köpenick als „doofer Bruno“ benannt galt er als harmlos und ängstlich, als jemand, der nicht einmal Hühner schlachten mochte. Trotzdem wurde er 1943 unter dem Vorwurf des Mordes festgenommen. Was dann folgte, war ein Skandal und eine Tragödie: Nach mehreren unaufgeklärten Morden war Kriminalkommissar Heinrich Franz auf Bruno Lüdke gestoßen. Vermutlich war ihm damals schon klar, dass dieser für keinen Mord verantwortlich sein konnte. Er tat so, als würde er sich mit Bruno anfreunden, um von ihm dann nach und nach immer mehr „Geständnisse“ zu bekommen. Insgesamt gab Lüdke den Mord an 84 Menschen zu, nicht nur in Berlin, sondern im gesamten Reichsgebiet. Die Umstände dieser Morde waren völlig unterschiedlich.

Franz soll seinen „Freund“ immer wieder „im Vertrauen“ gefragt haben, ob er nicht auch für diesen oder jenen Mord verantwortlich gewesen sei. Lüdke bestätigte sie alle. Angeblich konnte sich der Beschuldigte an präzise geografische, kalendarische, zeitliche und beweismittel-technische Details einzelner Taten erinnern, was er jedoch nicht mal in seinem eigenen Alltag konnte. Selbst die Polizeikollegen von Heinrich Franz misstrauten diesen Geständnissen, zumal es der Kommissar ablehnte, dass Kollegen bei den Befragungen anwesend seien.

Erst 1994 wurden die Untersuchungsakten analysiert. Das Ergebnis: Kein einziger dieser Morde kann Bruno Lüdke angelastet werden! Was gleichzeitig bedeutet, dass all diese Taten nie wirklich aufgeklärt wurden.

2. Akt

Im Jahr 1957 kam der Spielfilm Nachts, wenn der Teufel kam in die deutschen Kinos. Er zeichnete die Geschichte dieser Morde nach, allerdings davon ausgehend, dass Bruno Lüdke (gespielt von Mario Adorf) tatsächlich der Serienmörder war. Im Kinofilm wird Lüdke schließlich erschossen.

Das Drehbuch baut auf die damals bekannten, angeblichen Fakten auf, die jedoch nur die Sicht der Nazis wiedergeben.
Für den damals noch jungen Schauspieler Mario Adorf war es die erste Hauptrolle seiner Karriere.

3. Akt

Nachdem bekannt wurde, dass sich das reale Drama um Bruno Lüdke ganz anders abgespielt hatte, bedauerte Mario Adorf seine Beteiligung an dem Film. Seine Rolle hätte aus einem Opfer der nationalsozialistischen Justiz ein Monstrum gemacht.

Mario Adorf ließ das nicht ruhen, er wollte wiedergutmachen, was seine Rolle in den Köpfen hinterlassen hatte. So sprach er den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier an und drängte darauf, dass vor dem Wohnhaus Lüdkes ein Stolperstein verlegt wird. So kam es auch: Am 28. August 2021 legte er zusammen mit dem Steinmeier am frisch verlegten Stolperstein vor dem Haus Grüne Trift 32 A in Köpenick Blumen nieder. Mit dabei ein Enkel von Brunos Schwester, der sich sehr über die Stolpersteinverlegung für seinen Großonkel freute. Endlich sei ihm auch in der Öffentlichkeit Gerechtigkeit widerfahren.

Mario Adorf starb am 8. April 2026

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