Schlacht am Schlesischen Bahnhof

Was heute die Rockerbanden und Clans sind, waren vor 100 Jahren die sogenannten Ringvereine, manchmal auch Sparvereine genannt. Es waren Zusammenschlüsse von Männern, die ihre Freizeit miteinander verbrachten, gleichzeitig aber auch kriminelle Aktivitäten organisierten. Dabei ging es um Körperverletzungen, Betrügereien, Einbrüche, Überfälle, Zuhälterei, Rauschgifthandel und Schutzgelderpressung. Diese „Bruderschaften“ waren also genau wie heute Vereinigungen, die meist illegal an Geld kommen wollten. Die Anwendung von Gewalt war auch damals ein normales Mittel, um Opfer unter Druck zu setzen oder sich gegen ähnliche Gruppen zu behaupten.

Einer dieser Berliner Ringvereine war der Geselligkeitsverein Immertreu, der besonders in den Arbeiterbezirken aktiv war. Vor allem rund um den Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) dienten diverse Kneipen als Treffpunkte der sogenannten Ringbrüder. Eine davon hieß Naubur und befand sich in der Breslauer Str. 1, an der Holzmarktstraße zwischen Andreas- und Krautstraße. Doch der Wirt Naubur hatte kurz zuvor die Seiten gewechselt: Etwa 40 Zimmerleute aus Hamburg, die zum U-Bahn-Bau in Berlin weilten, hatten das Lokal für sich entdeckt und dem Wirt einen eigenen „Schutzvertrag“ angeboten – oder aufgezwungen, so genau kann man das heute nicht mehr sagen.

Jedenfalls kam es am 29. Dezember 1928 zu einer Auseinandersetzung zwischen den Ringbrüdern von Immertreu und den Hamburgern. Tags zuvor wurde an anderer Stelle ein Immertreuer von den Zimmerleuten bei einer Prügelei mit einem Messer schwer verletzt. Adolf Leib, genannt „Muskel-Adolf“, der Chef des Berliner Ringvereins, sann natürlich auf Rache.

Als mehrere Immertreu-Mitglieder das Lokal betraten, um sich den Messerstecher zu greifen, wussten sie nicht, dass im Hinterzimmer die ganze Mannschaft der Zimmerer saß. Es entstand eine Schlacht, die unter anderem mit Stuhlbeinen und Billardqueues ausgetragen wurde. Die Zimmerleute setzten ihre Hämmer und Winkeleisen ein und gingen nach zehn Minuten als Sieger hervor. Die Immertreuen flohen mit mehreren Verletzten, schworen aber noch auf Rache.

Die eintreffende Polizei riet den rund zwanzig Hamburgern, sich bis zum nächsten Morgen in Nauburs Kneipe zu verstecken, was ein großer Fehler war. Sie hatten nicht bemerkt, dass sich die Männer vom Ringverein genau gegenüber in „Leos Hof“ zurückgezogen und von dort den „Ringalarm“ ausgelöst hatten. Das bedeutete, dass Ringbrüder aus ganz Berlin, vor allem aus Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln, Mitte, Wedding und Moabit zusammengetrommelt wurden. Gegen Mitternacht stürmten etwa 150 Männer das Lokal. Der ungleiche Kampf dauerte nur 20 Minuten. Die Kneipe wurde völlig zerstört, dann ging es gegen die Hamburger Zimmerer.

Die Schlacht am Schlesischen Bahnhof übertraf in ihrer Brutalität alles bisher Gesehene. Mit Eisenstangen, Dolchen und Revolvern griffen die Männer von Immertreu und dem befreundeten Ringverein Norden an. Die wenigen Zimmerleute versuchten sich mit Äxten und Messern zu verteidigen, hatten aber gegen die Übermacht keine Chance. Am Ende lagen im Lokal und auf der Straße über ein Dutzend Schwerverletzte in ihrem Blut, fast alles Zimmerer. Sie hatten Schusswunden, eingeschlagene Köpfe, zerbrochene Rippen. Zwei von ihnen überlebten das Massaker nicht. Die Polizei gab später bekannt, dass über 100 Schüsse abgegeben worden waren.

Muskel-Adolf und zahlreiche andere Beteiligte wurden verhaftet, kurz darauf verbot der Polizeipräsident die Ringvereine. In der Presse wurden sie als Angreifer gebrandmarkt, doch sie starteten sofort eine Gegenoffensive. Zwei der prominentesten Rechtsanwälte Berlins, Erich Frey und Max Alsberg, übernahmen die Verteidigung beim Prozess, der nur fünf Wochen nach dem Angriff vor dem Kriminalgericht Moabit begann.

Dort wurden die Hamburger Zimmerleute als brutale Gewalttäter hingestellt, die den ordnungsliebenden Ringbrüdern das Leben schwergemacht hätten. Alle Zeugen, die gegen die Immertreu-Leute aussagen sollten, konnten sich plötzlich nicht mehr erinnern. Später kam heraus, dass sie jeweils mit mehreren hundert Reichsmark und natürlich Drohungen zur Rücknahme ihrer Aussagen überzeugt wurden.

Letztendlich gab es nur gegen Adolf Leib und einen weiteren „Bruder“ Verurteilungen wegen Landfriedensbruch, allerdings ausgesetzt auf Bewährung. Die Ringvereine wurden wieder zugelassen und alles sollte vorerst wieder seinen gewohnten Gang gehen.

Nachdem jedoch die Nazis an die Macht gekommen waren, wurden sämtliche Ringvereine verboten, Muskel-Adolf und zahlreiche seiner Gangmitglieder als Berufsverbrecher verhaftet. Er überlebte die NS-Zeit und starb 1967.

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