Denkmal. Denk mal! Wenn man es wörtlich nimmt, sollten Denkmäler zum Denken anregen. Eines, das sich besonders dazu eignet, ist das monumentale Monument an der Greifswalder Straße im Prenzlauer Berg. Es zeigt den Kopf des früheren KPD-Führers Ernst Thälmann, der vor der Fahne mit Hammer und Sichel seine Faust ballt.
Eingeweiht wurde es zusammen mit dem dahinterliegenden Wohnviertel, das im April 1986 als Ernst-Thälmann-Park eröffnet wurde. Damals wurde auch der nahe S-Bahnhof in Ernst-Thälmann-Park umbenannt.
Bei der Einweihungsfeier waren Tausende Bürger anwesend, außerdem DDR-Politiker, die sich gerne als Erben von Ernst Thälmann darstellten. Einige Bürger wurden jedoch am Rande der Veranstaltung von der Staatssicherheit festgenommen. Sie hatten dagegen protestiert, dass an dieser Stelle ein historisches Gaswerk abgerissen wurde. Für dessen Erhalt und Umnutzung hatten sich zuvor viele Bewohner des Kiezes eingesetzt.
Dass dieses Thälmann-Monument an der Greifswalder Straße entstand, war kein Zufall: Hier entlang führte die sogenannte Protokollstrecke, über die jeden Morgen und Abend die Männer und eine Frau der Staatsführung zwischen ihrem Wohnghetto in Wandlitz und den jeweiligen Ministerien oder dem Staatsratsgebäude gefahren wurden. So konnten sie sich auf dem Weg zur Arbeit täglich vergewissern, dass sie nach eigener Meinung auf der richtigen Seite der Geschichte standen.
Die DDR und Thälmann, das passte gut zusammen. Dieser Staat stand für vieles, was Thälmann einst vertreten hatte. Seit 1925 war er Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands. Sie war zu dieser Zeit der verlängerte Arm der Sowjetunion unter Stalin. Ursprünglich aus der SPD kommend baute er jedoch die KPD zu einer Kampfpartei um, die während der Zeit der Weimarer Republik versuchte, ein Sowjet-Deutschland zu erschaffen. Die Gegner waren dabei neben den Nationalsozialisten auch die Sozialdemokraten, die vor allem von Ernst Thälmann als „Sozialfaschisten“ diffamiert wurden. Vor allem in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre gab es unzählige gewalttätige Angriffe gegen Veranstaltungen und Aufmärsche der SPD. Besonders in den Arbeiterkiezen und bei Saalschlachten gab es regelmäßig Verletzte und auch Tote.
Einen Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen beim Blutmai 1929, als der sozialdemokratische Polizeipräsident auf Teilnehmer der verbotenen 1.-Mai-Demonstrationen schießen ließ. 33 Menschen wurden an diesem Tag durch Gewehrschüsse der Polizei getötet. Danach eskalierten auch die Angriffe des KPD-Rotfrontkämpferbunds gegen die SPD-Anhänger. Die Nazis freute es, dass sich die Antifaschisten gegenseitig bekämpften.
Ernst Thälmann war der wichtigste Anheizer dieser Kämpfe, die im Nachhinein auch als Bruderkrieg bezeichnet wurden. Denn beide Parteien waren ja für den Sozialismus und hatten vor allem linke Arbeiter in ihren Reihen. Und schließlich gab es noch die NSDAP, die mit äußerster Brutalität gegen politische Feinde vorging.
Thälmann war auf jeden Fall einer der Totengräber der fragilen Demokratie in der Weimarer Republik. Genau wie die Nazis lehnte er sie konsequent ab. Als er kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verhaftet wurde, ließ ihn Adolf Hitler nicht sofort umbringen. Er stufte ihn als „persönlichen Gefangenen“ ein, der lange leiden sollte. Erst 1944 ist Thälmann im KZ Buchenwald ermordet worden.
Sankt Thälmann in der DDR
Anfang der 1950er Jahre begann die Führung der DDR, aus Ernst Thälmann einen Märtyrer zu machen. Dabei verschwiegen sie natürlich seine frühe sozialdemokratische Zeit. Stattdessen erschufen sie einen Mythos, den glorreichen Kämpfer gegen den Faschismus. Es wurde ein wahrer Thälmann-Kult geschaffen, Schulen, Kombinate und Brigaden wurden nach ihm benannt. Bis heute existieren auf dem einstigen Gebiet der DDR noch rund 600 Ernst-Thälmann-Straßen. Es gab Briefmarken mit seinem Gesicht, mehrere Propagandafilme kamen ins Kino („Thälmann – Sohn seiner Klasse“), etwa 95 Prozent aller Kinder waren in der staatlichen Kinderorganisation der „Thälmann-Pioniere“. Selbst eine kleine Insel in der Karibik, die von Kuba symbolisch der DDR geschenkt wurde, erhielt seinen Namen.
Doch während sich die DDR-Nomenklatura im Glanze Thälmanns sonnte, konnten die meisten Bürger des Landes mit ihm kaum etwas anfangen. Vor allem die Jüngeren wussten nichts über seine wirkliche historische Bedeutung, sie kannten nur die Heldengeschichten, wie er angeblich als Kind sehr sozial war, seinen Mitschülern half und sich dann märtyrerhaft den Bösen entgegenstellte. „Wenn du nicht brav lernst, wirst du niemals werden wie Teddy Thälmann!“. Kinder sollten ihn anhimmeln, ihn aber gleichzeitig fürchten. Parallelen zum „lieben Gott“ der Christen sind unübersehbar.
Steht man heute vor dem 14 x 15 Meter großen und 50 Tonnen schweren Monumental-Denkmal, wirkt es auch einschüchternd. Der harte Blick des Mannes mit der Faust – das symbolisiert nicht etwa die Befreiung vom Faschismus, sondern genau das, wofür Thälmann stand. Es sagt: „Wir werden die Macht sein, wir kämpfen dafür und wer gegen uns ist, den zermalmen wir.“ Es ist die Ideologie der Stalinisten und genauso haben die alten Kommunisten den Staat DDR dann auch geführt. Eine Drohung mit Gewalt.
Immer wieder wird mal der Abriss dieses Droh-Denkmals diskutiert. Doch anders als der Riesen-Lenin vom heutigen Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain verschwand Thälmann nicht in der Versenkung. Stattdessen dient er als Leinwand, auf der Sprüher ihre Graffitis hinterlassen. Doch wenn man dieses Denkmal schon nicht abreißen will, sollte man es doch umwandeln. In ein wirkliches Denk-Mal, das zum Beispiel ideologischen Extremismus thematisiert, egal von welcher Seite. Oder man lässt es einfach zuwachsen. Dann wird es irgendwann überwuchert, so wie es mit seiner Ideologie passieren sollte.
Foto: Max schwalbe
Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

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